Nachgedacht - August/September 2022

Gedanken unter dem Lindenbaum

Neulich saß ich früh morgens unter dem Baum, den Sie auf der Titelseite dieser Ausgabe sehen. Die Welt wirkte so still und friedlich – abgesehen von den Vögeln, die ihr Morgenkonzert gaben. Und doch ließen sich Gedanken, die in diesen Zeiten immer wieder kommen, nicht ganz wegschieben.Gedanken an den Klimawandel und wo das noch hinführen soll – dort in Sachsen-Anhalt ist die Trockenheit schon jetzt noch unübersehbarer als hier. Gedanken an einen Krieg in Europa, der uns noch vor wenigen Monaten undenkbar erschien – vermischt mit persönlichen Erinnerungen an die Ukraine, die ich vor drei Jahren im Juni bereist habe. Aber auch Gedanken daran, wie wir mit der Erde umgehen, an die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, die wachsende Intoleranz und das Auseinanderdriften der Gesellschaft, daran, dass die Pandemie noch immer nicht vorbei ist, oder die Frage, wohin unsere Kirche steuert in diesen Zeiten.

Ich könnte noch beliebig weitermachen, aber es reicht auch so schon. Sie wissen sicher, was ich meine. Und vielleicht geht es Ihnen ja ebenso, dass Sie sich manchmal geradezu umzingelt fühlen von unlösbar scheinenden, beängstigenden Problemen? Und dann – was denken Sie dann – was gibt Ihnen Hoffnung?

Der Baum war die 290 Jahre alte Sommerlinde, die im Hof der Klosters Drübeck steht. Sie hat schon viel "gesehen" und vieles überstanden, fast zehn Generationen hat sie überdauert – Sommer und Winter, gute Zeiten, aber auch Kriege und Nöte. Doch sie steht immer noch, weil sie tiefe Wurzeln geschlagen hat und weil es Menschen gibt, die sich um sie kümmern.
Ich musste an meine Mutter denken, der dieser Platz mit Sicherheit gefallen hätte. Sie hatte ein großes Maß an Gottvertrauen, von dem sie einiges in mich eingepflanzt hat. Ein ihr wichtiger Gedanke, wenn wir über die Probleme der Welt gesprochen haben, war dieser: Wir sollten trotz aller Sorgen darauf vertrauen, dass es immer wieder in der Menschheitsgeschichte kluge Köpfe gegeben hat, die Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme gefunden haben. Vielleicht kamen ihnen diese Ideen nicht von ungefähr und von allein – vielleicht hat sie jemand in sie hineingelegt, ihnen die Fähigkeit gegeben, sie zu denken und umzusetzen – jemand der über uns und die Welt wacht.

In der Bibel im Matthäusevangelium, Kapitel 6, wird von der Sorge um unser Leben geredet: Wir sollen uns keine Sorgen um den morgigen Tag – oder die Zukunft – machen. Denn unser himmlischer Vater weiß, was wir brauchen.

Man kann diesen Abschnitt verschieden lesen. Ich lese ihn nicht so, dass damit Sorglosigkeit gemeint ist – wird schon alles gut werden. Ich lese ihn eher so wie: Wir sollen uns kümmern, sollen unsere Kräfte einsetzen und uns bemühen, etwas Gutes in der Welt zu bewirken, auch wenn es nur im kleinen Maßstab ist. Die letzte Sorge um unser aller Leben aber trägt ein anderer, dem wir vertrauen dürfen. Ist das schon Hoffnung genug? Ich weiß es nicht.

Aber die Tür der Klosterkirche war nie verschlossen. Also könnte man für ein ganz persönliches "Morgengespräch" über alles, was einem auf dem Herzen liegt, dort eintreten und danach noch ein wenig hier sitzen und mit mehr innerer Ruhe dem Gesang der Vögel zuhören.

Elsemarie Schaarschmidt


Foto: E. Schaarschmidt