Nachgedacht Juni / Juli 2022

Zwischen Herrnhut, dem Ort, der seine Gründung dem Reichsgrafen Zinzendorf verdankt, und Großhennersdorf, wo dieser als Kind aufwuchs, kann man einen besonderen Weg laufen: den „Skulpturenpfad. Auf den Spuren des Glaubens“.

Anlässlich des 300. Geburtstags von Zinzendorf errichteten Teilnehmer dieses Projekts unter künstlerischer Anleitung an 19 Stationen unterschiedliche Skulpturen, deren Entwürfe sie zuvor selbst erarbeitet hatten. Außerdem hatten sich die zumeist konfessionslosen Mitarbeitenden intensiv mit dem christlichen Glauben und der Herrnhuter Brüdergemeine auseinandergesetzt. Eine Station hat es mir besonders angetan: Das Abendmahl.

Die Brüdergemeine erinnert sich damit an eine Abendmahlsfeier im Jahr 1727. In einer Zeit, die von Streit und Zweifeln geprägt war, spürten sie in ihr deutlicher als sonst die Gegenwart Jesu und eine tiefe Freude. Die Reibungen waren hinterher nicht wie weggeblasen. Doch sie empfanden einander jetzt stärker als Kinder des einen Gottes und als Schwestern und Brüder.

Die Skulptur zeigt 12 „Jünger-Steine“. Jeder ist anders, ein bisschen schräg, keiner aus einer 0-8-15-Form. In der Mitte der „Jesus-Stein“ mit dem Osterlamm als Zeichen des Auferstandenen und mit dem Weinstock (Joh 15,5). Der verbindet mit seinen Ranken alle, die um den Tisch mit Brot und Wein sitzen. Würde einer fehlen, entstünde eine empfindliche Lücke.

Als ich ein 2. Mal vorbeikam, saßen mehrere Familien auf der Bank vor den Steinen – sich angeregt unterhaltend. Etliche Kinder, eins im Rollstuhl, spielten davor. Trinkflaschen, Becher und Kuchen teilten sich den Platz auf dem Tisch mit Kelch und Brot. „So“, dachte ich, „wünsche ich mir Gemeinde: Alle haben einen Platz – mit ihren Besonderheiten, Begabungen und Begrenzungen. Jede/r ist Rebe am Weinstock. Das hält uns zusammen.“

Und auch das hat mir gefallen: Heiliges und Alltägliches, ein Kunstwerk und die Kuchenschachtel, der besondere Ort und die ganz normalen Familien stimmten unkompliziert zusammen. In der Corona-Zeit haben wir uns etwas daran gewöhnt, je für uns zu bleiben. In den Gruppen unsrer Gemeinde und in den Bankreihen im Gottesdienst klaffen Lücken.

Ich sehne mich nach der tiefen Freude, die trotz Mühen, Zweifeln, Entfremdung... vom Weinstock Christus als Kraft in uns strömt und uns neu miteinander verbindet.

Gabriele Führer