Nachgedacht - August/September 2021

Das sommerliche Urlaubsfoto auf dem Titel hat mir vor zwei Jahren mein Bruder von der Insel Poel geschickt – fotografiert auf seiner morgendlichen Fahrt mit dem Rad zum Bäcker.

Im Hintergrund: ein Feld mit schon gelb leuchtendem Korn, das sich sanft im Wind bewegt. Angezogen werden die Augen aber noch mehr von den zarten roten, weiß-gelben und blauen Blüten am Feldrand: vom Mohn, von der Kamille… 

Ein Satz von Kathrin Oxen, Pfarrerin in Berlin, fiel mir dazu ein: „Das Schönste am Sommer sind die Ränder.“ Die Blumen mit ihren herrlichen Farben wachsen am Feldrand. Dort, wo der fleißige Bauer mit seinem Gerät, mit Pflug und Sämaschine, gerade nicht gearbeitet hat und das Unkrautvernichtungsmittel sein Werk nicht tun konnte.

Das Schönste – sind das nicht tatsächlich die Ränder? Ein Bild ist das zum Meditieren für die Urlaubszeit: Das Schönste grünt da, wo nicht alles bis zum letzten Meter geplant und ausgenutzt ist. Es wächst dort, wo unser Planen und Schaffen an seine Grenze gekommen ist. Das Schönste wächst an den Rändern, wo manches durchein­ander wild blühen darf, wo das Leben noch nicht vollkommen auf den Nutzeffekt zurechtgestutzt ist.

Ist es nicht so – auf dem Feld und im Leben? Wächst das Schönste nicht häufig dort, wo unser Planen und Tun aufhört: eben an den Rändern?

Jesus sagt: „Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen...“ (Mt 6,28 f)

Wie wichtig, sich dafür Zeit zu nehmen: für das, was über verplanten Alltag hinausgeht. Zeit nicht nur für den Beruf, für die Pflicht und für die nutzbringend verwendete Zeit, sondern auch für das, was uns an Gutem einfach so zufällt.

Ich wünsche Ihnen viele Sommertage, die nicht bis zum Rand ausgefüllt sind. Tage, an denen der Pflug der Arbeit und der Unkrautvernichter des Terminplans nicht bis zum Rand reichen. Denn das Schönste sind tatsächlich oft die Ränder… Halten wir Ausschau.

Vielleicht schaffen wir auch nach dem Urlaub, mehr Ränder an den Tagen zu lassen – um zu sehen, was auf ihnen wächst… Gesegnete Sommerzeit!

Ihr und Euer Christoph Herbst


Foto: Gernot Herbst