Der Zweifler (oder: Der „ungläubige“ Thomas)

 „Ihr könnt mir viel erzählen!“ – Nein, dass Jesus lebt und die Freunde ihn gesehen haben, kann Thomas nicht glauben. Wenn es wirklich wahr sein sollte, das mit der Auferstehung, dann will Thomas das selber sehen und – im wahrsten Sinne des Wortes – begreifen! Einfach nur so kann er das nicht annehmen.

Und Jesus lässt ihn gewähren. Als er das nächste Mal in die Runde der Jünger tritt, lässt er sich von Thomas „mit Händen greifen“. Durch die Berührung werden die Zweifel zerstreut. „Mein Herr und mein Gott!“ Der Zweifler wird zum Bekenner.

Vielleicht sind wir ein wenig neidisch auf Thomas? Wäre es nicht leichter zu glauben, wenn wir Jesus auch mit Händen greifen könnten? Wenn wir ihn – nicht nur mit dem Verstand – wirklich fassen könnten. Wenn er sichtbar in unsere Mitte träte und sagte: „Komm, leg deine Hand in meine.“

Nein, so wie Thomas das konnte, ist es für uns nicht möglich. Und doch lässt sich Jesus bei uns sehen: in seinem lebendigen Wort; beim Beten; in denen, die mit uns zur Gemeinde und Kirche – zum Leib Christi – gehören. Er berührt uns: mit dem Wasser der Taufe; mit Brot und Wein im Abendmahl; mit den Händen, die uns zum Segen aufgelegt werden. Wir wissen darum – sonst würden wir diese Berührungen in diesen von vielen Zweifeln besetzten Zeiten nicht so schmerzlich vermissen!

Merken wir vielleicht an anderer Stelle, dass Jesus lebt und sich sehen lässt? Dass er uns auf eigene, verborgene Weise berührt? In dem überraschenden Anruf der Freunde – gerade, als wir’s so richtig satthaben! In dem kleinen Mädchen unterwegs, das uns gar nicht kennt und trotzdem freundlich grüßt. In der Freude, die die leuchtenden Farben der Krokusse in uns wecken. In der Geduld, die die Kollegen aufbringen, auch wenn wir nicht gut drauf sind. In der Luft, die uns ein Spaziergang in der abendlichen Stille verschafft. In… – Wo haben Sie seine Berührung verspürt?

Der lebendige Jesus rührt uns an, damit unsere Zweifel zerstreut werden. Damit wir in österlicher Gewissheit und Freude sagen: „Mein Herr und mein Gott.“

Gabriele Führer


Bild: Ernst Barlach: „Der Zweifler“ (Foto: Gabriele Führer, 09/2020 in Dresden)