Nachgedacht - Juni/Juli 2020

Wie geht es Ihnen in der derzeitigen Corona-Krise angesichts der vorsichtigen Lockerungen? Manch einem kann es gar nicht schnell genug gehen, andere dagegen befürchten eine zweite Infektionswelle. Es ist wie ein Lavieren zwischen Aufbruch und Stillstand, zwischen Wollen und nicht Können. Und im Gottesdienst? Da sitzen wir vereinzelt, auf Abstand und dürfen kaum oder gar nicht singen – allenfalls mit Mundschutz. 

Dabei befreit uns nichts so sehr aus Trübsal und Ungewissheit wie das gemeinsame Singen! Und das geht zur Not auch ganz leise, indem wir mit geschlossenem Mund Lieder einfach summen.

Beispielsweise Paul Gerhardts Sommergesang „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (EG 503): Er dichtete es 1653 als Liebes- und Trostlied für seine Frau, nachdem sie gerade eines ihrer Kinder verloren hatte. Sie sollte sich an diesem Lied wiederaufrichten.

Da liest sich die erste Strophenzeile gleich ganz anders: Geh aus dir heraus, mein Herz – und bleibe nicht in deinem Kummer stecken. Geh aus dir heraus, mein Herz, und suche Freude!

Du musst schon aus dir herausgehen und nach erlebtem Leid die Freude regelrecht suchen! Du findest sie, indem du alles so anschaust, als hätte Gott es dir gegeben. „Schau an!“ und „siehe!“ – das sind bei Paul Gerhardt Beschwörungen, die Welt gleichsam mit Gottes Augen anzuschauen: „Schau an der schönen Gärten Zier / und siehe, wie sie mir und dir / sich ausgeschmücket haben.“

Hier ist die Welt nicht an sich im Blick, sondern vielmehr so, wie sie Gott für uns Menschen ausgeschmückt hat: als seine Schöpfung, in der ich meinen Nächsten immer schon mit im Blick habe – auch den Nächsten der kommenden Generation!

Gott und Welt, Ich und Du, die Großen und Kleinen, die Gesunden und Kranken, die Fröhlichen und Traurigen – wir alle sind in Gottes Schöpfung bittend, dankend und lobsingend beieinander.

Also singen oder summen Sie und schwingen Sie sich innerlich empor – für die Freude und die Zuversicht und gegen alle Angst und Verzagtheit!

Frank Manneschmidt


Foto: Kristin Manneschmidt.