Ein Wort zum Sonntag Jubilate 2020

I.
Der erste Sonntag im Mai:
Jubilate - der Jubelsonntag ist da.
Eine Einladung zur Freude,
zum Spaziergang durch die Schöpfung
dorthin, wo die Bäume blühen und das Hellgrün sprießt.
Freude über das Neue, das Gott schafft.

Am letzten Donnerstag stand ich in der Sonne
an einer alten Hausmauer.
Am Sockel aus Feldstein wuchs ein Weinstock.
Sorgfältig war er geschnitten,
angebunden an ein verwittertes Spalier.
Schön sah der Weinstock aus.

 

Ich stand still
und sah mir die alten, grauen knorrigen Äste an
und die zarten, neuen, grünen Blätter an den Reben.
Ein wundersames Geflecht aus uralt und frisch.
Und die ganze bewachsene Wand
alles in eins verbunden.

Eine Fantasie entstand in mir,
wie der Weinstock im Herbst aussehen wird.
Rot und schwer wird es an den Reben hängen
und irgendein Spaziergänger wird Lust bekommen,
von den Trauben zu kosten.

In der Sonne an der Hausmauer -
Neues im Werden…
Jubilate!

II.
Ein Vers aus dem Text dieses Sonntags.
Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. (Johannes 15,5)

Der Weinstock vom Donnerstag in der Abendsonne -
Jesus macht ihn zu einem Bild für mein Leben.

Ihr alle seid wie Reben am Weinstock,
sagt Jesus.
So soll es sein.
So kann es werden.
So ist es gut.

Ich stehe in der Sonne an der Hauswand
und schaue auf den Weinstock
und verstehe meine Aufgabe.
Zuerst:
Wahrnehmen, dass ich kein Weinstock bin,
der für sich Früchte bringt
und um den sich alles dreht.
Eine heilsame, sanfte Korrektur der Perspektive.

Ich bin eine Rebe am Weinstock.
So soll ich leben.
Lernen, ein Stück am Ganzen zu sein.
Ich kann nicht überall sein.
Ich kann nicht alles vollbringen.
Und ich muss es nicht.

Kraft fließt mir zu,
weil ich verbunden bin mit den anderen,
den knorrigen, grauen, uralten Ästen
und den anderen hellgrünen Trieben
und durch sie und mit ihnen mit Christus.
Aneinander und an Christus bleiben…

Haben wir das nicht erfahren in den letzten Wochen?
Wie wichtig diese Aufgabe ist und wie dringend –
und wie schwer?
Und waren nicht das die besten Momente,
in denen das auf neue und kreative Weise gelungen ist?
Trotzdem verbunden…

III.
Ich stehe in der Sonne an der Hauswand
und schaue auf den Weinstock.
Wer in mir bleibt und ich in ihm,
der bringt viel Frucht.

So soll mein Leben sein.
So kann es werden.
So ist es gut.

Es geht um Frucht, um eine Ernte.
Auch in meinem Leben.
Der Weinstock und jede einzelne Rebe an ihm
sind nicht nur zum Selbstzweck gepflanzt.
Früchte sollen wachsen,
so, dass irgendwann einer kommt
und verlockt wird,
zu pflücken und zu kosten und sich freut.

Ich schaue auf den Weinstock und verstehe:
Um Frucht geht es in meinem Leben,
um etwas, das anderen Freude macht,
um etwas, das anderen gut tut.

Frucht, die rot und schwer in der Sonne hängt
so, dass sie andere verlockt zu kosten,
die wächst nur,
weil die Kraft hindurchgeflossen ist
durch den ganzen Weinstock -
durch die knorrigen Äste und die jungen Reben.
Frucht, die anderen Freude macht,
hängt an der Gemeinschaft
und damit an der Geduld.

Frucht, die Freude macht,
kann ich als einzelne Rebe gar nicht hervorbringen,
und schon gar nicht schnell.
Man kann sich noch so sehr anstrengen,
noch so effizient
und leistungswillig sein,
Frucht braucht Zeit zum Reifen.

Ist das nicht etwas, das uns
die Auszeit vom Leistungsdruck
in diesen Wochen auch neu zeigen könnte?
Mein Leben soll Frucht bringen,
nicht Leistung.

IV.
Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.

Ich wünsche ihnen Freude am Spazieren im Grünen
und am Schauen.
Vielleicht entdecken Sie ja auch einen Weinstock
als Bild für ihr Leben.

Verbindung zu Christus halten...
Verbindung untereinander suchen...
Sich in Geduld üben...
Und in der Vorfreude auf verlockende Früchte.

Pfarrer Dr. Christoph Herbst


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