Ein Wort zum Sonntag Palmarum 2020

Als die große Menge, die aufs Fest gekommen war,
hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,
nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus
ihm entgegen und riefen:
„Hosianna! Gelobt sei, der da kommt
in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“

Jesus fand einen jungen Esel und ritt darauf,
wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):
»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«

Das Volk, das bei ihm war,
als er Lazarus aus dem Grabe rief
und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.
Darum ging ihm auch die Menge entgegen,
weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

Die Pharisäer aber sprachen untereinander:
Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet;
siehe, alle Welt läuft ihm nach. 

Joh. 12, 12-19

Diese Geschichte wäre derzeit ein Horrorszenario für Gesundheitsbehörde und Ordnungsamt! Jesus kommt in die Hauptstadt. Ihn begleiten seine 12 Jünger und andere Anhänger – schon weit mehr Leute, als zur Zeit an einer Stelle sein dürfen. Sie sind auf dem Weg in die Innenstadt. Einheimische und Touristen füllen die Straßen – Festbetrieb herrscht.

Als sich herumspricht: „Jesus kommt!“, drängen sich ungezählte Menschen an den Straßenrändern. Um vor Jesus einen „roten Teppich auszurollen“, bedienen sie sich an den Straßenbäumen. Sie schneiden Palmzweige ab zum Winken und um sie vor Jesus auf den Weg zu breiten.

Was ist es, das die Menschen so begeistert?
Die äußere Erscheinung Jesu auf dem Eselsfüllen kann es nicht sein. Einer, der richtig etwas „her machen“ wollte, hätte ein repräsentativeres Reittier gewählt, wäre „auf hohem Ross“ daher gekommen.
Ist es der Sog der Menge, die in politisch angespannten Zeiten einen als König bejubelt, der so ganz anders auftritt als die kritisch betrachtete Regierung?
Ist es die Sehnsucht nach dem, der ungewohnte Maßstäbe ins Spiel bringt, bei denen man spürt: „Bequem sind die nicht. Aber nötig!“
Ist es die Ahnung, dass Gott mit diesem Esel reitenden Jesus eine uralte Verheißung erfüllt - lange zuvor von den Propheten verkündet?
Ist es Neugier oder sogar ein wenig Sensationslust, weil sich unter den Leuten herumgesprochen hat: „Jesus hat den Lazarus aus seinem Grab herausgerufen. Einige Tage war der schon tot. Und jetzt lebt er!“
Oder ist es ein feines Gespür: Von Jesus geht ein Kraft aus – größer als alle menschliche Vernunft – Heilsames, Segen… 

Was ist es?
Vielleicht von jedem etwas. Und jedes darf sein! Wichtig ist v.a., dass Menschen mit Jesus in Berührung kommen und auf je eigene Weise von ihm berührt werden! Selbst Jesu Gegner können sich seiner Faszination nicht entziehen! Sie merken: „Wir richten gegen ihn nichts aus – die Menschen laufen ihm nach.“ Was die Menschen damals in Jerusalem erlebt haben, wäre in unserer gegenwärtigen Situation ein undenkbares Szenario – Menschenmengen dicht gedrängt…

Wie aber können wir – gerade jetzt – mit Jesus in Berührung kommen? Denn gerade jetzt suchen und brauchen wir ihn, der uns vergewissert: Gott hat seine Zusagen nicht vergessen. Er handelt. Wir brauchen den, der uns angesichts der komplexen Probleme unsrer Tage vorlebt, was Demut und Frieden bedeuten – auch wenn sie alles andere als bequem sind! Wir suchen nach dem, der dem Tod zu widerstehen vermag – auch dort, wo wir´s längst nicht mehr geglaubt haben. Wir brauchen sein Heil, seinen Segen.

Wie können wir ihn finden?
Zum Beispiel, indem wir ihn mit den Worten eines alten Adventsliedes in unser Leben einladen:

Sei willkommen, o mein Heil!

Dir Hosianna, o mein Teil!

Richte du auch eine Bahn

dir in meinem Herzen an.

(EG 12,4)

Pfarrerin Gabriele Führer