Nachgedacht - Dezember 2019 / Januar 2020

Das Wort warten, so habe ich gelesen, kommt von auf der Warte wohnen. Die Warte ist der Ort der Ausschau, der Wachtturm. Warten meint also: Ausschau halten, ob jemand kommt, umherschauen, was auf mich zukommt.

Die Bibel ist voller Geschichten vom Warten. Kinderlose Paare warten darauf, schwanger zu werden. Menschen werden getrennt durch Flucht oder Krieg. Sie vermissen einander. Liebenden werden Wartezeiten auferlegt, bis sie zusammenfinden. Und alle warten auf den Messias: den Retter der Welt, den Gott versprochen hat. Mit ihm soll endlich alles anders werden.

Warum ist die Bibel so voll von Geschichten vom Warten? Weil das Warten entscheidend zum Leben gehört. Weil Warten-Können etwas ist, das ein Stück jeder lernen muss. Manches kann man nicht herbeizwingen. Sondern man muss warten.

Und Gott hereinlassen – das vor allem braucht das Nichtstun, das Schweigen, eben das Warten. 

Warten ist aber nicht nur ein Zustand, der eben sein muss und den man am besten so schnell wie möglich hinter sich bringt, weil danach das Gute und Richtige kommt.

Das zeigt die zweite Bedeutung des Wortes warten. Warten kann auch heißen: auf etwas Acht haben, etwas pflegen.

Wer allzu stark auf etwas Bestimmtes wartet, wird manchmal blind für das, was wirklich zu ihm kommt. Wenn ich auf den Traumprinzen warte, habe ich oft eine so feste Vorstellung davon, wie er sein soll, dass ich die wahre Liebe übersehe. Wenn ich immer nur abwarte, dass es endlich den perfekten Job oder eine ideale Wohnung gibt, wenn ich meine, mein Leben müsse ganz genau so und so sein, verpasse ich vielleicht nicht nur das Gute im Hier und Jetzt. Sondern womöglich auch Hinweise, die Gott mir gibt. Hinweise darauf, wie mein Weg weitergehen kann. Vielleicht anders, als ich ihn mir vorstelle. Beängstigend anders. Oder herrlich anders.

Warten, das heißt also auch: achtsam Ausschau halten nach dem, was zu mir kommen will und vielleicht schon da ist. Warten – das heißt Acht haben auf die Zeichen, die Gott sendet. Ich habe sie nur noch nicht bemerkt.

Advent – die Zeit des Wartens. Vier Wochen, um diese wichtige Lebenskunst neu einzuüben. Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Dr. Christoph Herbst

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