Nachgedacht - Juni/Juli 2017

Geht es Ihnen auch so – überall hört man nur Luther. Es gibt die Lutherdekade, man kann Luther in Nudelform essen oder als Playmobilfigur kaufen und vieles andere mehr. Etwas viel Luther, denke ich dann.
Eine Pflanzaktion von Lutherbäumen wird vom MDR initiert – und gut angenommen.

Politiker, Bischöfe, Privatpersonen werden Baumpaten. Auf einer interaktiven Karte des MDR kann man Lutherbäume in Sachsen aufrufen. Und was entdecke ich? So viele Lutherbäume, die genau datiert sind, gibt es gar nicht oder sind nicht mehr bekannt. Als die wohl älteste Luthereiche in Chemnitz wird die Reformations-Gedächtniseiche vor unserer Schloßkirche gezeigt.
Warum pflanzen Menschen Lutherbäume? Vielleicht, weil sie viel älter als Menschen werden können – uns sozusagen überleben. Sie faszinieren uns mit ihrer Größe und Standfestigkeit. Bäume spielen in vielen Kulturen und Religionen eine große Rolle. In der Bibel gehören Bäume zu den wichtigsten Symbolen des Lebens.
In Psalm 1 wird ein Mensch verglichen mit einem Baum:

Wie glücklich ist,
wer Freude findet
an den Weisungen des Herrn,
wer Tag und Nacht
in seinem Gesetz liest
und darüber nachdenkt.
Er gleicht einem Baum,
der am Wasser steht;
Jahr für Jahr trägt er Frucht,
sein Laub bleibt grün und frisch.
Ein solcher Mensch hat Erfolg
bei allem, was er unternimmt.

Eichen verkörpern Standhaftigkeit, Kraft und Beständigkeit, haben ein sehr hartes Holz. Für Martin Luther ist schon eine Eiche ein adäquates Bild, wenn wir ihn uns vor dem Reichstag in Worms 1521 vor dem Kaiser vorstellen, wo er seine Schriften mit den Worten verteidigt haben soll: „Ich stehe hier, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“

Besonders seit dem 18. Jh. wurden Bäume für berühmte Menschen und politische Ereignisse gepflanzt.
1917 ging es den Gemeinden wirtschaftlich und personell sehr schlecht. Man wollte aber unbedingt das Reformationsjubiläum festlich begehen und sicher war es unseren Vorfahren wichtig, sich in der unsicheren Zeit des Ersten Weltkrieges auf den Glauben an Jesus Christus zu besinnen.
So wurden in Erinnerung an das Reformationsjubiläum am Sonntag, dem 28. Oktober 1917, in allen Chemnitzer Kirchgemeinden Festkindergottesdienste gefeiert. Zum Gottesdienst in der Schloßkirche kamen allein 907 Mädchen und Jungen! Weil es den Erwachsenen wichtig war, wurde es keine reine Kinderveranstaltung. Zusammen mit den Kindern zogen der Kirchenvorstand, die Pfarrer, Vertreter des Rates, die Militärvereine, Arbeitervereine u. a. über die Salzstraße zu dem Kirchplatz vor der Kirche. Um 12.00 Uhr wurde unter dem Gesang des Lutherliedes die Reformations-Gedächtniseiche gepflanzt, um „kommenden Generationen einen bleibenden Eindruck zu vermitteln“. So kann man es in den alten Akten lesen.

Es gibt viele Möglichkeiten, an Martin Luther zu erinnern. Das wichtigste aber ist, dass wir uns mit Luther beschäftigen und unseren Kindern die Luthereiche zeigen und ihnen damit deutlich machen, dass Gottes Geschichte mit den Menschen lange vor uns begonnen und durch und mit uns weiter gehen wird. Manchmal braucht es Menschen wie Martin Luther, die auf verkrustete Strukturen hinweisen und den Gemeinden Mut zum Glauben machen.
Vielleicht begegnen Ihnen im Urlaub Lutherbäume? Auf alle Fälle findet am 31. Oktober in und um die Schloßkirche ein Familientag statt, zu dem im Kirchenbezirk eingeladen wird. Und vielleicht wird auch der Pflanzaktion vor 100 Jahren gedacht. Ich würde es mir wünschen.

Mit einem Ausspruch aus Luthers Tischreden möchte ich Sie grüßen: „Vor einem Baum, von dem man Schatten hat, soll man sich verneigen.“

Anne Lätsch


Das Bild wurde von Anne Lätsch fotografiert.