Nachgedacht - Februar/März 2017

Wenn man den Raum betritt, fällt einem die Stirnwand ins Auge: Der Putz ist brüchig und unvollständig. Man sieht die Spuren der Zeit. Und die Beschädigungen, die sie hinterlassen hat.


Erst beim genaueren Hinschauen nimmt man das Kreuz wahr, das auf den Putz aufgebracht ist: Kein „schönes“ Kreuz. Keines mit kunstvoll geschnitztem Korpus aus kostbarem Holz auf ebenmäßig zusammengefügten Balken. Sondern eines aus demselben derben Putz wie sein Untergrund. Und mit einem sich windenden Christus, der Anteil hat an den Wunden seiner Umgebung. Sein Gesicht ist zu den bloß liegenden Stellen gewandt – so, als wäre es ihm besonders wichtig, gerade die in den Blick zu nehmen.

Kein schöner Anblick. Und doch ein tröstlicher. Denn: Ist es mit dem „Original“ nicht ebenso? Jesus Christus ist gekommen, um das Leben mit den Menschen zu teilen. Das Leben mit all seinen Brüchen, offen gebliebenen Wünschen, Beschädigungen, enttäuschten Hoffnungen. Mit allem, was bloßgestellt ist unter dem bröckelnden Putz. Mit seinen Schmerzen. Mit allem, was für uns kein schöner Anblick ist.

Gerade darum ist Jesus zu den Kranken unterwegs. Spricht und isst er mit denen, die von den anderen wohlweißlich übersehen werden – weil „man“ mit „solchen“ Leuten nichts zu tun haben möchte. Legt er den Finger in Wunden, die man lieber nicht berührt hätte. Stellt er unbequeme Forderungen. Doch er tut dies nicht „von oben herab“. Sein Leben ist aus demselben „derben Putz“ wie das der Menschen um ihn herum. Zu seinen Erfahrungen gehören auch Unverständnis, Spott, verratene Freundschaft, Leiden, das Empfinden: „Gott hat mich verlassen.“

Sein Kreuz steht inmitten der „Kreuze“ dieser Welt. Einzelne Menschen haben daran zu tragen: An der Krankheit, deren Sinn rätselhaft bleibt. An der zerbrochenen Beziehung. An dem Gefühl, nicht gebraucht zu werden. An der Angst vor Alter und Tod…

Auch auf Völkern und –gruppen lasten Kreuze: Krieg, Gewalt, Herrscher, die ihre Macht missbrauchen, Hunger… Wir brauchen nicht lange danach zu suchen.
Und welcher Art ist das unsere?

Jesus Christus hat den Weg ans Kreuz gewagt, damit wir mit unseren Kreuzen nicht alleine sind. Das Kreuz wird nicht seine letzte Station bleiben. Damit es – inmitten unserer Kreuze – durchbricht zum Leben.

Gabriele Führer


Das Bild wurde fotografiert von Gabriele Führer.