Nachgedacht - Oktober/November 2016

Ein Luder war er eigentlich, kein Luther. „Martin Luder“ schrieb sich der Mann, der den Anstoß zur Reformation gab, bis 1517. Erst im Jahr des Thesenanschlags änderte er seinen Namen in „Luther“.

Er tat das nicht etwa, weil „Luder“ unerfreuliche Assoziationen weckt. Der Reformator spielte auf das griechische Wort „eleutherios“ („der Befreite“) an. Die lateinische Form „eleutherius“ benutzte er eine Zeitlang sogar als Unterschrift unter seinen Briefen. Daraus übernahm er das „th“ in den Nachnamen. So wurde aus „Luder“ der bekannte „Luther“. Wer die zwei Buchstaben zu lesen weiß, der versteht, was gemeint ist: Martin, der Befreite, der – in Christus – Freie! Kürzer kann man seine Theologie nicht zusammenfassen. Martin Luther wusste sich frei. Aber frei wovon? Und frei wofür? Das große Wort der Freiheit weckt heute (je nach Situation und Standpunkt) Sehnsucht und Furcht. Entscheidungsfreiheit im Beruf und im Privaten, freie Wahlen, Religionsfreiheit – wer wollte das nicht? Freiheit enthält aber auch Zumutungen: die Nötigung, sich immer neu orientieren und entscheiden zu müssen. Die Lust der Freiheit erscheint manchem eher als Zwang, in Unsicherheit zu leben.
Luther meinte keine Freiheit, die sich im Unbestimmten verliert. Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ ist auf den Ton der Freude gestimmt. Denn sie erwächst aus einer präzis zu benennenden Bindung: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2. Korinther 3,17) Die Abhängigkeit von Gott und unsere Freiheit wachsen in gleichem, nicht in umgekehrtem Maß.
Wer sich dem Geist Jesu aussetzt, der wird befreit – und zwar zuerst von sich selbst: nämlich von der penetranten Bemühung, den eigenen Wert, die eigene Tüchtigkeit und Einmaligkeit nachweisen zu wollen. Das ist die Wohltat des Evangeliums, dass sie unsere Aufmerksamkeit weglenkt von uns selbst auf die Liebe Gottes. Und nichts anderes ist Glaube als der Mut, sich durch Gottes Liebe ablenken zu lassen von sich und eigener Furcht. Daraus folgt alles andere:
Freiheit ist nicht, alles selber zu können und zu verstehen, sondern sich selbst loslassen zu können. Freiheit ist nicht die Beliebigkeit, zu tun, was ich will, sondern im Blick auf Jesus zu wissen, was ich tue. Freiheit besteht auch nicht in der Pflege seiner selbst – es im Genuss des Lebens weit zu bringen –, sondern vergnügt („spontan und fröhlich“, sagt Luther) daran mitzutun, was meine Nächsten und die Gemeinschaft brauchen. Ein gesegnetes Reformationsfest mit dem kleinen, aber großen „th“!

Ihr Christoph Herbst

Test Margit